Offener Brief von Volker Hahn

Liebe Politiker, wir verstehen Euch nicht mehr!

Ihr wollt das Grundwasser schützen, die Bienen und das Klima retten und gleichzeitig den Untergang der bäuerlichen Landwirtschaft verhindern.

All das wollen wir auch, aber anscheinend steht mir mein umfassendes Wissen im Weg, Eure Beschlüsse zu verstehen.

Habt Ihr in den letzten Wochen und Monaten nur einmal uns Bauern gefragt, was wir zu all diesen Themen aktiv beitragen können?

Wir haben verstanden, dass eine intakte Natur unverzichtbar ist und wir unseren Anteil dazu beitragen müssen. Das wollen wir auch und arbeiten auf allen Ebenen daran.

Wir machen Vertragsnaturschutz, engagieren uns vor Ort in vielen Umweltprojekten und wissen sehr genau, dass früher halt nicht alles besser war, oder glaubt Ihr, dass es den Insekten zu Zeiten von DDT, Lindan und E 605 besser ging?

Grundwasserschutz geht uns alle an und wir wollen eine Verbesserung der Messwerte erreichen.

Seit über zwanzig Jahren arbeiten wir in Grundwasserschutzkooperationen und haben in dem Zeitraum aktiv Methoden entwickelt, den Nitrataustrag ins Grundwasser zu verringern.

Wie sollen wir das  Grundwasser fachlich gut schützen, wenn Ihr uns die Instrumente aus der Hand nehmt?

Ihr fordert eine ganzjährige Bodenbedeckung und nehmt uns mit dem Glyphosatverbot eine wichtige Möglichkeit, dies umzusetzen.

Fachleute warnen uns vor dem Anbau von Leguminosen als Zwischenfrüchte, weil dadurch mehr Nitrat ins Grundwasser ausgewaschen werden kann. Mit Euren immer schärferen Düngeauflagen zwingt Ihr uns diese Leguminosen zur Zwischenfrucht quasi auf und werdet uns verantwortlich machen, wenn Eure Verschärfungen nicht greifen und die Nitratwerte im Grundwasser nicht sinken.

Wir verzichten in freiwilligen Vereinbarungen schon lange auf einen Teil der Düngung. Unsere damit verbundenen wirtschaftlichen Nachteile wurden uns ausgeglichen. Was wird aus unseren Kooperationen, wenn gesetzliche Auflagen deren Inhalte ad absurdum führen?

Wir sollen teure Güllebehälter und Lagerplatten bauen. Das fällt vielen Betrieben finanziell sehr schwer. Aber wir verstehen, dass wir die Gülle gezielter ausbringen müssen. Trotzdem ist es oft unmöglich, dafür Baugenehmigungen zu bekommen, weil Ihr die Gesetze zu kompliziert gemacht habt. In den Kommunen versickern riesige Mengen Abwässer in maroden Kanälen oder laufen bei stärkeren Regenfällen eins zu eins ungeklärt weiter in die Flüsse. So etwas wird nicht diskutiert und das versteht kein Bauer.

Inzwischen will die ganze Welt die Bienen retten. Da sind wir ganz vorne mit dabei. Wir haben verstanden, dass Fruchtfolgen breiter werden sollen, aber kennen auch die massenhafte Vermehrung von Schädlingen innerhalb kürzester Zeit. Ihr verbietet Beizen und notwendige Insektizide zum Schutz der Pflanzen: Aufgefressene Raps-, Senf- und Bohnenbestände sind die Folge und Ihr wundert Euch, dass wir dann halt die Kultur anbauen, die am besten ohne Pflanzenschutz auskommt: Mais!

Wenn Ihr Euch mal von Berlin aus raus auf’s Land bewegen würdet, dann hättet Ihr in diesem Sommer zum Beispiel eine extrem große Population von Schwalben sehen können – die leben tatsächlich von …Insekten…..!!!,  oder so viele Störche wie noch nie, die sich  gerade in unseren Ackerbauregionen toll vermehrt haben. Immer mehr Greifvögel werden bei uns heimisch, weil sie ein reichhaltiges Nahrungsangebot vorfinden.  All das mag noch nicht genug sein, aber es ist auf alle Fälle wesentlich mehr als noch vor einigen Jahren! Wenn Ihr bei uns nachts auf dem Land Licht anmacht, schwärmen innerhalb von wenigen Minuten zig Insekten um den Lichtkegel – macht das mal bei Euch in der Stadt: Ihr werdet kaum ein Insekt finden!

Nehmt Ihr eigentlich wahr, dass wir überall im ganzen Land ganz viele Blühflächen und Ruheflächen für die Artenvielfalt anlegen? Und dass es jedes Jahr mehr werden? Und dass wir noch mehr Flächen aussäen wollen?

Bei uns in der Region Hannover sind in den letzten 25 Jahren fast 10.000 Hektar Fläche (8 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche) verloren gegangen durch Bautätigkeiten aller Art. Glaubt Ihr ernsthaft, dass wir das auffangen können?

Ihr wollt uns den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten verbieten und macht Euch über die Folgen keine Gedanken?

Ihr erzählt den Menschen, dass wir durch den Einsatz von chemischen Mitteln, zum Beispiel zur Unkrautvernichtung, die Biodiversität verringern. Was, bitte schön, macht ein Pflug oder ein Grubber anderes? Oder eine Hacke oder ein Striegel? Was, bitte schön, ist an einem Abflammgerät besser? Wer treibt Euch zu solch haarsträubenden Aussagen? Denkt Ihr keine Sekunde mehr über das nach, was Ihr sagt?

Die Klimaveränderung geht uns alle an und wir Bauern können ganz viel Positives dafür tun:

Wir können mehr Humus im Boden aufbauen, um CO² zu binden, wassersparende Bodenbewirtschaftung durchführen, Wind- und Bodenerosion verhindern: Aber wie soll das funktionieren, wenn Ihr uns die nötigen Werkzeuge dazu nehmt und nach einem Verbot von Glyphosat schreit, dass sich fachlich mit nichts begründen lässt?

Wie sollen unsere Zwischenfrüchte gedeihen und als CO²-Speicher dienen, wenn wir sie nicht mehr düngen dürfen?

Ihr packt alle Häuser mit Styropor ein, um die Dämmwerte zu verbessern. Dazu wird danach die Fassade schön gestrichen – mit Fungiziden, die bei uns schon seit dreißig Jahren verboten sind! Und wir sind nachher die Schuldigen, wenn im Grundwasser deren Abbauprodukte gefunden werden.

Wir sollen Tierwohl mehren und Emissionen mindern. Mit Euren Vorschriften des Baugesetzbuches und der TA Luft erreicht Ihr nur eins: Die Ställe werden woanders in Europa gebaut – mit weniger Tierwohl und mehr Emissionen.

Ihr fordert immer bessere Haltungsbedingungen für unsere Tiere, aber lasst dem Billigwettbewerb freien Lauf. Schaut mal auf die Verpackungen im Tiefkühlregal, wo denn die Zutaten der Fertigprodukte herkommen: Oft kommt nur das Wasser aus Deutschland, alles andere aus fernen Ländern.

Ihr siedelt den Wolf bei uns an und lasst uns mit unseren Mitmenschen auf dem Land mit allen Folgeproblemen allein? Ihr fordert Weidehaltung und sagt uns nicht, wie das gehen soll. Also lassen wir unsere Tiere im Stall.

Ihr redet fast jeden Tag davon, dass wegen unserer Tierhaltung der Regenwald gerodet werden muss: Wenn Ihr uns genügend Raps anbauen ließet, was die mit Abstand größte heimische Eiweißquelle ist, bräuchten wir nicht mehr viel Sojaschrot, aber das hatten wir ja oben schon…

Ihr weist großflächig rote Gebiete aus und erzählt den Menschen, dass dort die Bauern besonders böse sind und sie deshalb noch weniger düngen sollen. So wenig, dass die Pflanzen hungern und die Zwischenfrüchte gar nicht mehr wachsen sollen. Damit schafft Ihr eine Zweiklassenlandwirtschaft und verurteilt die Betriebe in den roten Gebieten zum langsamen Sterben. Wir sind bereit, alles für die Umwelt zu tun, aber ja, auch wir müssen Geld verdienen. Das wollt Ihr so, dass wir im Wettbewerb mit der ganzen Welt und mit unseren Kollegen außerhalb der roten Gebiete konkurrieren müssen. Ich würde gerne von Euch erklärt bekommen, warum Ihr uns wirtschaftlich töten wollt. Denn nichts anderes ist es, wenn wir ganz artig und brav all das befolgen sollen, was Ihr da vorhabt!

Und dann sagt Ihr immer, Ihr wollt die bäuerliche Landwirtschaft erhalten! Wie heuchlerisch und boshaft muss man sein, um so in Mikrofone und Kameras lächeln zu können?

Habt Ihr einmal darüber nachgedacht, welcher bäuerliche Betrieb all das leisten kann?

Ich prophezeie Euch, dass das unumkehrbare Strukturbrüche zur Folge haben wird.

Wir verstehen Euch nicht mehr und glauben inzwischen, dass Ihr uns gar nicht verstehen wollt:

Ihr lauft Meinungsumfragen und NGOs hinterher. Euch interessiert nicht wirklich, wie wir gemeinsam zu wirklich guten Lösungen kommen können, sondern wie Ihr Euch beim Wähler beliebt macht. Da sind einfache Antworten gefragt: Ist ja auch grad voll modern. So wie in den USA bei Trump oder in Großbritannien bei Johnson. Uns ist bewusst, dass auch wir Dinge ändern müssen, und sind auch bereit dazu. Redet mit uns und seid bereit, nach der besten fachlichen Antwort zu suchen und keinen Dauerwahlkampf auf unsere Kosten zu führen.

Liebe Politiker: Wer von Euch kann mir die Widersprüchlichkeiten erklären?

Volker Hahn