Schlagwortarchiv für: Biodiversität

Artenvielfalt auf dem Acker: Insektenwall schafft neuen Lebensraum

Pressemitteilung der Region Hannover, 11.09.2026

Im Biodiversitätsprogramm setzen 90 Betriebe auf 241 Hektar Maßnahmen um

Region Hannover/Ronnenberg. Ein begrünter Wall mitten im Acker als Rückzugsort für Wildbienen, Laufkäfer und Co.: Auf einer landwirtschaftlichen Fläche südlich von Weetzen zeigt sich, wie Artenvielfalt und Landwirtschaft Hand in Hand gehen können. Der Betrieb Burchard aus Linderte hat dort einen sogenannten Insektenwall angelegt. Die Maßnahme ist Teil des Biodiversitätsprogramms, das die Region Hannover seit 2018 gemeinsam mit dem Landvolk Hannover und der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen umsetzt. In diesem Jahr beteiligen sich 90 landwirtschaftliche Betriebe mit insgesamt 241 Hektar Maßnahmenfläche. Die Region Hannover stellt wie in den Vorjahren vorbehaltlich des Beschlusses der Regionsversammlung am 6. Oktober auch in 2026 300.000 Euro für das Programm zur Verfügung.

„Artenvielfalt in unserer Agrarlandschaft können wir am besten gemeinsam mit den Menschen stärken, die diese Flächen bewirtschaften. Genau darauf setzt unser Biodiversitätsprogramm“, sagt Jens Palandt, Erster Regionsrat und Umweltdezernent der Region Hannover. „Die Region schafft den finanziellen Rahmen. Landwirtschaft und Naturschutz entwickeln gemeinsam Lösungen, die ökologisch etwas bewirken.“

Was steckt hinter dem Biodiversitätsprogramm?
Mit dem Programm fördert die Region Hannover Naturschutzmaßnahmen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Sie sollen zusätzliche Lebensräume und Nahrungsangebote für Tiere und Pflanzen schaffen. Die Maßnahmen werden freiwillig von landwirtschaftlichen Betrieben umgesetzt. Diese stellen Flächen bereit, passen ihre Bewirtschaftung an oder verzichten auf einen Teil des möglichen Ertrags und erhalten dafür einen finanziellen Ausgleich.

Die Partner übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben: Die Region Hannover stellt die Mittel bereit und stimmt die Maßnahmen naturschutzfachlich ab. Das Landvolk spricht die landwirtschaftlichen Betriebe an und wickelt die Verträge ab. Die Stiftung Kulturlandpflege entwickelt die Maßnahmen, kontrolliert deren Umsetzung und übernimmt teilweise das Monitoring und die Dokumentation.

„Dass sich auch nach vielen Jahren so viele Betriebe beteiligen, zeigt, dass der kooperative Ansatz funktioniert“, sagt Joachim Hasberg, stellvertretender Geschäftsführer des Landvolks Hannover. „Landwirtinnen und Landwirte kennen ihre Flächen und die betrieblichen Abläufe am besten. Entscheidend ist deshalb, dass die Maßnahmen gemeinsam entwickelt werden, in der Praxis gut umsetzbar sind und die Leistungen und Ertragsausfälle der Betriebe angemessen ausgeglichen werden.“

Was ist ein Insektenwall und wie fördert er die Artenvielfalt?
Ein Insektenwall, auch „Beetle Bank“ genannt, ist ein begrünter Erdwall innerhalb einer Ackerfläche. Durch gegenläufiges Pflügen entsteht in der Mitte ein Wall, an den sich auf beiden Seiten mehrjährige Blühstreifen anschließen. Der Insektenwall bietet auf engem Raum unterschiedliche Lebensbedingungen. Wildbienen finden Nistmöglichkeiten, Laufkäfer und Spinnen Rückzugs- und Überwinterungsräume. Die Blühstreifen liefern unter anderem Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlingen Pollen und Nektar. Davon profitieren mittelbar auch Feldvögel und andere Tiere der Agrarlandschaft. Erste Insektenwälle wurden in der Region bereits 2022 erprobt und fachlich begleitet. Seit 2024 gehören sie regulär zum Biodiversitätsprogramm.

„Natürlich bedeutet so eine Maßnahme auch zusätzliche Zeit und Arbeit bei der Anlage und Pflege. Aber wenn man sieht, was sich hier entwickelt, macht das den Aufwand mehr als wett. Man muss sich nur kurz an den Insektenwall stellen, dann sieht man, wie viel Leben hier ist: Es summt und krabbelt, man sieht Wildbienen, Schmetterlinge und viele andere Insekten“, berichtet Landwirt Lukas Burchard.

Welche Maßnahmen werden noch gefördert?
Der Insektenwall ist nur eine von mehreren Maßnahmen des Biodiversitätsprogramms. Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt von der jeweiligen Fläche und den Arten ab, die dort gezielt gefördert werden sollen.

Blühstreifen und Blühflächen bleiben über die Ernte hinaus oder über mehrere Jahre bestehen. Sie bieten Insekten ein vielfältiges Blütenangebot und schaffen zugleich Nahrungs- und Rückzugsräume für Feldvögel. Je nach Variante werden ein- und mehrjährige Flächen miteinander kombiniert, sodass unterschiedliche Strukturen nebeneinander entstehen.

Stoppelbrachen helfen insbesondere dem Feldhamster. Nach der Getreideernte bleiben mindestens 30 Zentimeter hohe Stoppeln stehen und die Bodenbearbeitung wird bis in den Herbst hinausgeschoben. Die Tiere finden dadurch länger Deckung und Nahrung auf den Flächen. Beim sogenannten „Hohen Halm“ wird das Getreide mit hochgestelltem Mähwerk nur knapp unterhalb der Ähre geerntet. Ein Großteil des Halms bleibt stehen und bietet ebenfalls Schutz.

Getreidestreifen werden bei der Ernte vollständig stehen gelassen und erst nach dem Winter wieder bewirtschaftet. Feldhamster und andere Säugetiere sowie überwinternde Vogelarten finden dort auch in der nahrungsarmen Jahreszeit Nahrung und Deckung.

Feldvogelinseln richten sich insbesondere an Feldlerchen. Dafür werden mitten im Getreideacker größere Bereiche bei der Aussaat freigelassen oder später wieder geöffnet und während der Brutzeit nicht bewirtschaftet. Die offenen Flächen bieten den am Boden brütenden Vögeln geeignete Bereiche für Nahrungssuche und Brut. Die Inseln sind im Programm mindestens 1.000 und höchstens 2.000 Quadratmeter groß.

Kiebitzinseln werden gezielt dort eingerichtet, wo Kiebitze aktuell brüten oder im Vorjahr gebrütet haben. Die 3.000 bis 5.000 Quadratmeter großen Bereiche bleiben während der Brut- und Aufzuchtzeit unberührt. Ein kurzfristiger Einstieg in die Förderung ist möglich, wenn ein aktuelles Brutgeschehen festgestellt wird.

„Es gibt nicht die eine Maßnahme, die überall passt“, sagt Björn Rohloff, Geschäftsführer der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen. „Wir schauen uns die jeweilige Fläche und die dort vorkommenden Arten an und überlegen gemeinsam mit dem Betrieb, welche Maßnahme sinnvoll ist. Entscheidend ist die Kombination unterschiedlicher Strukturen. Blühangebote, Rückzugsräume und geeignete Brutflächen ergänzen sich und machen die Agrarlandschaft vielfältiger.“

Welche Wirkung zeigen die Maßnahmen?
Die Entwicklung der Bestände ausgewählter Arten in der Region Hannover zeigt positive Tendenzen. Nach Ergebnissen der Wildtiererfassung ist die Feldhasenpopulation zwischen 2019 und 2024 um 20 Prozent gestiegen. Beim Rebhuhn wurde im gleichen Zeitraum ein Anstieg um 80 Prozent verzeichnet – entgegen dem Landestrend, bei dem die Population stagniert. Auch bei einzelnen Maßnahmen zeigen Kontrollen, dass die geschaffenen Lebensräume angenommen werden: So wurden bei einer früheren Auswertung mehr als 75 Prozent der angelegten Feldlerchenfenster von Feldlerchen als Brut- oder Nahrungshabitat genutzt.

Diese Entwicklung hat viele Ursachen. Die positiven Zahlen zeigen aber, dass gezielte Maßnahmen für mehr Artenvielfalt wirken können – auch dank des Engagements der landwirtschaftlichen Betriebe im Biodiversitätsprogramm.

Foto: Landvolk Hannover, Drohnenaufnahme: Anton Sartisohn, Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen

 

 

 

 

 

 

 

Oasen für Bodenbrüter: Kiebitze fühlen sich auf Dolgener Acker wohl

Gemeinsames Projekt von Region, Landvolk und Stiftung Kulturlandpflege für mehr biologische Vielfalt in der regionalen Agrarlandschaft

+++ Pressemitteilung der Region Hannover, der Stiftung Kulturlandpflege und des Landvolks Hannover vom 23.06.2023 +++

Hannover/Sehnde. Noch in den 1970er Jahren war der Kiebitz auf Feldern und Wiesen häufig zu sehen. Heute ist der Bodenbrüter aus vielen Agrarlandschaften verschwunden. Mit der Anlage von Rückzugsorten auf Ackerflächen soll der „stark gefährdeten“ Art die Aufzucht ihres Nachwuchses erleichtert werden. Zum Beispiel auf einem Feld im Sehnder Ortsteil Dolgen. Landwirt Alfred Dröse hat in diesem Frühjahr auf den Anbau von 2,5 Hektar Mais verzichtet, um den Vögeln eine erfolgreiche Brut zu ermöglichen. Seine „Ernte“: Kiebitzküken in mindestens fünf Nestern.

Die sogenannten Kiebitz-Inseln sind ein neuer Bestandteil im Biodiversitätsprogramm der Region Hannover, das seit fünf Jahren in Zusammenarbeit mit dem Landvolk Hannover, der Stiftung Kulturlandpflege und zurzeit 80 landwirtschaftlichen Betrieben umgesetzt wird. Gemeinsames Ziel: Dem Rückgang der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft soll entgegengewirkt werden. Zum Programm gehören die Einsaat von Blühstreifen, auf die Bienen und Hummeln fliegen, Stoppelbrachen als Futterquelle für Feldhamster oder Altgrasstreifen als Lebensraum für Feldhasen und Wiesenvögel. Aufgrund der hohen Nachfrage hat die Region Hannover dazu ihre Förderung erneut aufgestockt: In diesem Jahr stehen 500.000 Euro bereit.

Alfred Dröse ist seit Anfang an beim Biodiversitätsprogramm der Region Hannover dabei und hat in diesem Rahmen zahlreiche Blühflächen eingesät. „Die bunteste Blühfläche ist zugleich die älteste aus dem Jahr 2018, als das Programm gestartet ist“ freut sich der Landwirt, der damit einen – auch optisch schön anzusehenden – Rückzugsraum und Nahrungsgrundlage für viele Tierarten, insbesondere für Insekten geschaffen hat. Ein idealer Rastplatz für Wildbienen oder Schmetterlinge.

Jens Palandt, Dezernent für Umwelt, Klima, Planung und Bauen der Region Hannover, betonte: „Mit einem fairen Ausgleich für Landwirte wie Herr Dröse wollen wir Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu erhalten. Zusammen entwickeln wir Maßnahmen, die dem Naturschutz dienen und gleichzeitig praxistauglich und wirtschaftlich tragfähig für unsere Partner sind. Die Fördermittel, die die Region Hannover zur Verfügung stellt, sind in erster Linie ein Entgelt für die Leistungen und den Ertragsausfall der Landwirte.“ „Die Kiebitzinseln sind für uns eine ganz neue Maßnahme und somit auch vertragliches Neuland; umso erfreulicher, dass in diesem Jahr schon zwei Landwirte teilgenommen haben und hier in Dolgen ein schöner Erfolg erzielt werden konnte“, berichtet Peter Zanini, Geschäftsführer der Stiftung Kulturlandpflege.

„Das Gute an den Kiebitzinseln ist die hohe Flexibilität bei der Vertragsgestaltung. Herr Dröse hat im April beobachtet, dass die Kiebitze auf seinem Acker brüten wollten und konnte noch sehr kurzfristig in den Vertrag zum Kiebitzschutz einsteigen“, ergänzt Björn Rohloff von der Stiftung Kulturlandpflege.

„Wir fühlen uns der Verbesserung der biologischen Vielfalt in unserer Kulturlandschaft mit standortangepassten Maßnahmen verpflichtet“, betont auch der Vorsitzende des Landvolks Hannover, Volker Hahn: „Das Biodiversitätsprogramm von Region Hannover, Landvolk Hannover und Stiftung Kulturlandpflege soll dazu beitragen, die Biodiversität in der Agrarlandschaft in der Region Hannover in Kooperation mit den regionalen landwirtschaftlichen Betrieben zu fördern und zu verbessern. Entstanden ist die Idee aus der gemeinsamen Überzeugung, dass ein Vertragsnaturschutz auf Augenhöhe ein geeignetes Instrument ist, die Artenvielfalt in der Region Hannover zu fördern. Gemeinsam entwickelte Maßnahmen sowie eine jährliche Erfolgskontrolle sind dabei der Garant für die hohe Akzeptanz und Wirksamkeit der Maßnahmen.“

Während sich die Region Hannover um die Mittelvergabe und die Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde kümmert, übernimmt das Landvolk Hannover die Ansprache der Landwirte und die Vertragsabwicklung. Die Stiftung Kulturlandpflege, die über langjährige Erfahrung im Vertragsnaturschutz mit der Landwirtschaft verfügt, kontrolliert und dokumentiert die Umsetzung der vereinbarten Vorhaben.

Die über die Jahre gewachsene hohe Beteiligung belege die Bereitschaft und das Engagement der Landwirte für den Naturschutz, betont das Landvolk Hannover. Für Landvolk und Stiftung ist es Ziel und Herausforderung zugleich, den Vertragsnaturschutz mit der Landwirtschaft dauerhaft in der Region zu etablieren und auszubauen, indem weitere Landwirte für das Projekt gewonnen werden und mehr Geld für diese Art vorbildlichen, regional verankerten Artenschutz von Land und Bund bereitgestellt wird.

„Unser gemeinsames Projekt wollen wir in den nächsten Jahren fortsetzen“, kündigte Jens Palandt für die Region Hannover an.

(Foto Kiebitz: Stiftung Kulturlandpflege)

v.l.n.r.: Jens Palandt, Björn Rohloff, Wolfgang Fiedler, Alfred Dröse, Volker Hahn, Peter Zanini